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Golfplatz mit Handicap

Marrakesch wird zur internationalen Golfhochburg. Wie geht das ohne Wasser?

Mirna Gharbi und Siri Warrlich

Der Golftourismus in Marrakesch boomt. Doch ein einziger Platz verbraucht am Tag beinahe so viel Wasser wie eine vierköpfige Familie in Deutschland in zehn Jahren. Wie kann das Dilemma gelöst werden? Greenkeeper Abdelhaq Zougar steht vor einer Herausforderung.

Früh am Morgen fährt Abdelhaq Zougar seine erste Runde. Noch ist es still auf dem Golfplatz. Nur hier und da rattert ein Rasenmäher. Zougar steuert sein Golfmobil, als wäre es ein Sportwagen. Und im Kopf rattern schon die Fragen: Sind die Bunker bei Loch 3 geharkt? Ist das Green bei Loch 9 frisch gemäht? Und dieser Sprinkler drüben bei den Villen, der gestern kaputt war, geht der jetzt wieder? Seinem Sohn würde er diesen Job nicht empfehlen, sagt Zougar bei einer Pause in seinem Büro. „Zu stressig.“ Zougar schüttelt noch eine Zigarette aus seiner Schachtel. Der Aschenbecher auf dem Schreibtisch ist fast voll.

Seit einem Vierteljahrhundert arbeitet Abdelhaq Zougar auf marokkanischen Golfplätzen. Zum Beruf des Greenkeepers kam Zougar durch Zufall. Anfang der 1990er Jahre arbeitete er  beim Bau eines Golfplatzes mit. „Diese Welt war völlig neu für mich und hat mich angezogen“, sagt Zougar über das soziale Ökosystem Golfplatz. Er wollte Teil davon werden.

Vor zehn Jahren gab es 3 Golfplätze in Marrakesch. Heute sind es 13.

 

Pflanzenkunde, Bewässerungssysteme, der richtige Umgang mit Pestiziden: Was Zougar für den Job wissen muss, brachte er sich größtenteils selbst bei. Als er den Job als Greenkeeper begann, war er nach eigenen Angaben einer der ersten Marokkaner im diesem Metier. Ein Greenkeeper ist viel mehr als ein Gärtner. Er plant die Bewirtschaftung des Golfplatzes fürs ganze Jahr, koordiniert die Arbeit und muss im Notfall schnell reagieren.

Ein Golfplatz mit schlechtem Rasen ist wie eine Ballerina in Turnschuhen. Wenn der Golfball nach dem Flug landet und noch möglichst weit rollen soll, kann die Länge und Struktur des Rasens entscheidend sein. „Agrostis Stolonlinfera“ heißt die spezielle Sorte Gras, die auf dem Green gepflanzt wird, also sozusagen auf der Landebahn rund um die Zielflagge. An verschiedenen Stellen eines Golfplatzes sind andere Qualitäten und damit andere Sorten von Gras gefragt.

Gemeinsam haben alle eines: Sie brauchen viel Wasser. 1500 Kubikmeter Wasser schluckt der 18-Loch-Al-Maaden-Golfplatz im Südwesten Marrakeschs durchschnittlich – pro Tag! So viel Wasser verbrauchen im gleichen Zeitraum etwa 12000 Durchschnittsdeutsche zusammen. Wasser ist in Marokko ein knappes Gut. Doch der Golftourismus in Marrakesch boomt. Nicolas Barraud, der Manager von Al Maaden, profitiert davon. Er stammt – wie so viele seiner Kollegen in Marokko – aus Frankreich.

Um das Dilemma zwischen Wasserknappheit auf der einen und Golftourismus als Wirtschaftsmotor auf der anderen Seite zu lösen, hat die marokkanische Regierung in einem nationalen Plan klare Ziele definiert. Bis 2030 soll für die Bewässerung von Golfplätzen, Grünflächen und Ackerflächen immer mehr Abwasser genutzt werden. Das ist vor allem deshalb bemerkenswert, weil in Marokko bisher nur ein Teil des Abwassers überhaupt gereinigt wird. Bis 2020 will das Land es schaffen, 60 Prozent des Abwassers zu behandeln. In Deutschland sind es schon heute 96 Prozent.

In Marrakesch wurde eigens eine neue Kläranlage gebaut, die bis zu 18 Golfplätze mit Abwasser versorgen soll. 120 Millionen US-Dollar hat das gekostet. Das Projekt wurde gemeinsam von der marokkanischen Regierung, dem lokalen Wasseranbieter Radeema und den Golfplatzbesitzern finanziert. Seit 2012 ist die Anlage in Betrieb.

Alle Golfplätze in Marrakesch sollen nur noch mit Abwasser gießen.

 

Wie sehr das Projekt die Arbeit des Greenkeepers Abdelhaq Zougar beeinflusst, merkt man spätestens dann, wenn auf dem Al-Maaden-Golfplatz die Sprinkler angehen. Dann riecht es hier nicht mehr nach frisch gemähtem Gras oder nach den Parfüms der schick gekleideten Golfer aus aller Welt – sondern nach Gülle. Und der Gestank ist für Manager Barraud und Greenkeeper Zougar sogar nur das kleinste Problem.

Besonders in den kleinen Tälern zwischen den sanften Hügeln auf dem Golfplatz wird das Salz zum Problem. Hier sterbe das Gras teilweise komplett ab, erklärt der Manager Barraud. Al Maaden sieht zwar überwiegend grün und gepflegt aus. Doch an vielen Stellen auf dem Golfplatz sind die großen, braunen Flächen kaum zu übersehen.

Barraud und Zougar nutzen verschiedene Methoden, um mit dem Abwasser klar zu kommen. Gegen den hohen Salzgehalt bohren sie etwa kleine Löcher ins Gras. „Aeration“ nennt der Greenkeeper diese Technik. Es kann auch mit zusätzlichem Wasser weggeschwemmt werden.

Wer mit Golfplätzen Geld verdienen will, muss sich anpassen.

 

„Natürlich ist es frustrierend“, gibt Manager Nicolas Barraud schließlich zu. „Wir wissen, dass wir mit besserem Wasser ein besseres Produkt hätten. Aber so ist eben unser Alltag. Wir haben gelernt, damit zu leben.“ Greenkeeper Abdelhaq Zougar hätte eine Lösung gewusst. Sie heißt „Paspalum vagintum“. Das Tropengras ist besonders salzresistent und kann sogar mit Salzwasser bewässert werden. Doch als Al Maaden gebaut wurde, hat niemand daran gedacht, Paspalum vagintum zu pflanzen. Wenn Zougar in anderthalb Jahren mit 60 in Rente geht, will er sein Wissen der nächsten Generation zugänglich machen. Der Greenkeeper möchte ein Buch über seinen Beruf schreiben. Auf Arabisch. Bislang gebe es in dieser Sprache kaum Literatur zu Golfplätzen. Der Bedarf wird weiter steigen. Schon 13 Golfplätze nutzen das Abwasser aus der Kläranlage. Ausgelegt ist sie laut Barraud für 18.

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