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Nachhaltig abschrubben

Erneuerbare Energien machen Hammams Dampf

Martha Dudzinski und Elia Ghorbiah

„Kommt rein, kommt rein!“ ruft die halbnackte Frau Mitte 50 den voll bekleideten Eindringlingen zu, die „nur mal gucken“ wollen. Fröhlich gießt sie sich plastikeimerweise dampfendes Wasser über die nackten Brüste. Sie und ihre Freundinnen quatschen, lachen, fühlen sich sichtlich pudelwohl – von Schamgefühl oder verletzter Intimsphäre keine Spur. Riesige weiße Baumwollschlüpfer, winzige quietschbunte Plastikschemel, schallendes Gelächter: Die Stimmung im traditionellen marokkanischen Hammam erinnert mehr an eine Party als an ein intimes Waschritual.

95 Prozent der Marokkaner besuchen regelmäßig ein Hammam

Quelle: NGO EnSEn

Das traditionelle Badehaus lässt sich bis in die Antike zurückverfolgen. Doch während das Hammam in der Türkei und in den meisten arabischen Ländern an Bedeutung verloren hat, gehen sich 95 Prozent der Marokkaner noch heute regelmäßig gemeinsam abschrubben. Mit drastischen Folgen für Umweltschutz und Klima:

Ein traditionelles Hammam verbrennt täglich durchschnittlich 1,5 Tonnen Brennholz, um die Baderäume und das Wasser aufzuwärmen. Dadurch verschwinden in Marokko jedes Jahr 30.000 Hektar Wald – eine Fläche so groß wie München.

Nichtregierungsorganisationen versuchen, der Waldrodung entgegenzuwirken: Sie unterstützen die Betreiber traditioneller Hammams finanziell dabei, von Holzöfen auf Biomasse wie Olivenkerne umzusteigen.

Hammams verursachen 9 Prozent von Marokkos CO2-Emissionen

Quelle: NGO EnSEn

Diese stoßen bei der Verbrennung zwar genau so viel Kohlendioxid aus wie Holz (390 Gramm CO2 pro Kilowattstunde). Aber dafür werden weniger Wälder gerodet, die stattdessen weiterhin das Kohlendioxid in der Luft in Sauerstoff verwandeln. Und auch die Arbeit mit dem Ofen wird viel erträglicher – der 31-jährige Abdelati Ainbenjilali hätte seinen Job als „Mul Fernachi“, wie die Heizer hier genannt werden, fast hingeschmissen:

 

Die Baderäume traditioneller Hammams haben wenig mit Wellness-Tempeln zu tun. Statt Massagen und Mosaik erinnern Einrichtung und Atmosphäre eher an den Schwimmunterricht: Es geht zu wie in der Gruppendusche. Wenn die gehobene Mittelschicht bei Hanane Khebbou ins Hammam geht, entspricht das schon eher den europäischen Vorstellungen. Was Khebbou noch anders macht als die Besitzer traditioneller Hammams: Sie heizt mit Gas. Das stößt beim Verbrennen auch nur halb so viel Kohlendioxid aus wie Holz oder Biomasse – nämlich 200 Gramm pro Kilowattstunde. Allerdings reicht eine Gaskartusche nur für acht bis zehn Kundinnen. „Traditionelle Hammams können sich das nicht leisten, wenn die Leute weniger als 1 Euro Eintritt zahlen.“ Khebbous Kundinnen lassen für ein Verwöhnprogramm mit Massage und Maniküre mindestens 10 oder 20 Euro liegen.

Hinter den Kulissen: Damit es im Hammam dampft, müssen im Keller Holz, Gas oder Biomasse brennen.

Ob Holz, Gas oder Biomasse – von all dem würden die Hammams weniger benötigen, wenn sie ihren Wasserverbrauch reduzieren könnten. Doch Kunden erwarten fürs Baden eine Wasserflatrate, dadurch verbraucht jedes Hammam täglich 30.000 Liter Wasser. In der Bevölkerung fehlt das Bewusstsein für einen sparsamen Wasserverbrauch – da müsste jemand mal Dampf machen.

Quelle: Energy Procedia

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