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Wandeln im Nebel

Dank einer Frau kommt Trinkwasser aus Wolken zu Familien in den Bergen

Fatma Zahra Abderrahim und Elisa Miebach

Hier regnet es fast nie. Doch oft schweben kleine Wassertropfen als Nebel über den Gipfeln. Besondere Netze können das Wasser der Wolken melken.

Die kleinen Wassertropfen im Nebel kondensieren auf den Netzen und laufen an den Fäden herunter.

Vorher mussten die Frauen in den Dörfern mehrere Stunden zu den Brunnen im Tal laufen. Dank der Nebelnetze fließt das Trinkwasser nun direkt in ihre Häuser.

In den Bergen des Anti-Atlas im Süden Marokkos regnet es fast nie. Die Wüste im Osten der Bergkette breitet sich immer weiter aus. Es wird stetig trockener und viele Brunnen versiegen in der Trockenzeit. In den Familien der Amazigh-Völker, die in den Bergen leben, sind die Frauen für das Wasserholen verantwortlich. Jahrelang hieß das für sie: Ihre fast täglichen kilometerweiten Fußmärsche wurden immer länger, da sie weiter ins Tal laufen mussten, um noch Wasser zu finden.

„Die Frauen haben große Angst davor, dass das Wasser ausgeht. Sie sagten mir, sie wären manchmal durstig geblieben und hätten das wenige Wasser stattdessen ihren Kindern, den Älteren im Haushalt und ihren Tieren gegeben.“

Jamila Bargach, Dar Si Hmad

Jamila Bargach von der marokkanischen Dar Si Hmad Stiftung arbeitet seit Jahren in den Bergdörfern. Sie betreut ein innovatives Projekt. Mit riesigen Netzen wird aus Nebel Trinkwasser für rund 1000 Menschen in den umliegenden Dörfer gewonnen. Das Wasser fließt direkt in jedes Haus. Weil die Frauen nicht mehr stundenlang zu den Brunnen laufen müssen, haben sie nun viel mehr Zeit, sagt Bargach.

Vor mehr als einem Jahrzehnt hat Jamila Bargach ihren Job als Professorin in der Hauptstadt Marokkos aufgegeben, um zusammen mit ihrem Ehemann die Dar Si Hmad Stiftung zu gründen. Durch ihr Projekt hat sie nicht nur das Leben der Frauen verändert. Ihre Arbeit mit dem Nebel bewegt sie selbst.

Jamila Bargach lebt und arbeitet hauptsächlich in der Großstadt Agadir, rund vier Stunden von den Bergdörfern entfernt. Die Nebelfänger sieht man in ihrer NGO überall. In mehreren Räumen stehen große Modelle der Netze, sogar auf der Damentoilette.

Doch ihre Arbeit ist nicht auf die Netze beschrankt: Bargach gibt unter anderem jede Woche Workshops für junge Frauen und Männer. Es geht um Identitätsfindung und Selbstbewusstsein – und auch um die Rolle der Frauen in Marokko.

 

 

In einem der Workshops geht es um Stereotypen in der Gesellschaft: „Selbst einfache Witze reflektieren die Machtstrukturen der Gesellschaft.“ Jamila Bargach

„Hier in Marokko haben wir ein Problem mit Geschlechtergleichheit. Frauen überlegen, was sie anziehen und wo sie hingehen. Deshalb ist es manchmal schwer, einfach man selbst zu sein. Ich finde, es fehlt eine gewisse Freiheit. Und man sollte den Mut haben, das auch zu sagen.“

Jamila Bargach möchte ihr Wissen teilen und den Teilnehmern helfen, ihren eigenen Platz in der Gesellschaft zu finden. Gleichzeitig fühlt sie sich inspiriert vom Austausch mit den jungen Menschen.

„Ich komme aus einer starken Familie, in der Gerechtigkeit und Geschlechtergleichheit großgeschrieben wurden und hoffe, ich kann das weitergeben. Das größte Glück in meinem Leben ist meine eigene Tochter. “

Die Vereinten Nationen haben Jamila Bargach und ihre NGO bereits 2016 mit ihrem Klimawandel-Preis „Women for Results“ ausgezeichnet. Zu Beginn der zweiten Bauphase im März 2018 nimmt Jamila Bargach nun an einem Kongress der UN-Organisation UN Women in New York teil. Auf vielen anderen internationalen Veranstaltungen berichtete sie bereits davon, wie die Nebelnetze das Leben der Frauen in den Bergdörfern und auch ihr eigenes verändert haben.

Einen entscheidenden Anteil an dem innovativen Projekt hat auch die deutsche WasserStiftung: Sie hat die Netze getestet und gebaut. Unterstützt wurde sie dabei von der Technischen Universität München, der Munich Re Stiftung, dem deutschen Entwicklungsministerium, dem Deutschen Verein des Gas- und Wasserwerkes (DVGW) sowie mehreren internationalen Universitäten, Stiftungen und privaten Spendern. Seit März 2018 werden weitere Netze hinzubebaut. Schon nach dem Abschluss der ersten Bauphase haben die Netze in den marokkanischen Bergdörfern Geschichte geschrieben: Sie sind laut Jamila Bargach das weltweit größte Projekt dieser Art.

Ein Multimediaprojekt von Fatma Zahra Abderrahim und Elisa Miebach | Filmmaterial des Nebels in den Bergen: Norbert Guthier und aqualonis: Peter Trautwein | Fotos der Nebelnetze und des Nebels in den Bergen: aqualonis: Peter Trautwein. CloudFisher© ist eine eingetragene Marke der WasserStiftung | Foto Dorf: Dar Si Hmad Foundation

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